Das gab’s bei uns nie! – Eine Kolumne von Matthias Kröner

Ein Straßenschild in den Dünen verweist auf Vergangenheit und Zukunft.

Wenn sie wieder einmal durchdrehen, der Sechsjährige und der Zweijährige, wenn sie wegen eines Legosteins streiten, obwohl zweihundert andere vor ihren Füßen liegen, wenn der Kleine verzweifelt, weil der Große als erster beim Auto ist („Erster, ich bin erster!“), wenn der Große mit der Präzision eines Herzchirurgen den Moment abpasst, in dem der Kleine geradewegs in den Nachtschlaf fallen will, und in diesem Moment unerwartet und laut etwas fragt, weshalb der Kleine sofort wieder wach ist, wenn wieder einmal Gläser umfallen beim Abendessen und Flaschen und gekämpft wird unter dem Tisch und manche Mahlzeiten konsequent verschmäht werden, wenn uns die beiden bereits beim Verlassen des Betts und beim Betreten des Badezimmers belagern, als wären wir eine Burg, die man erobern müsse („Spielen, wir wollen spielen!“), und wenn wieder einmal eine Fernsehsendung als ungenügend empfunden wird und wir daraufhin nachgeben und eine zweite erlauben und diese zweite auch nicht genügt und der Wutanfall beider groß ist, weil der Fernseher danach ausbleibt, wenn also wieder einmal diese ganzen wundersamen Ereignisse eintreffen, manchmal an einem Tag, weil es der Alltag in einer Familie so will, der Alltag, in dem Kinder gedeihen und sich die Erwachsenen auch nicht alles gefallen lassen, dann, genau dann, denke ich: Na wartet, wenn ihr mal Kinder habt! Dann werden wir uns rächen.

Ich werde mich, wenn ich diese ganzen, die Familienharmonie befördernden, das Wohlbefinden unendlich steigernden, die Aussicht auf eine Besserung zunichte machenden und so überaus freudvollen Augenblicke des Zusammenseins erneut erlebe – nämlich bei euch und euren Kindern! –, mit einer verwunderten Mimik in meinem Stuhl zurücklegen, dich, Emil, und dich, Lennard, ansehen und im gleichen Tonfall wie meine Eltern sagen: „Das gab’s bei uns nie. Ihr müsst schwere Erziehungsfehler begangen haben!“ Dann werde ich eure Mutter ansehen und sie in einem leisen Anflug von entsetzter Fassungslosigkeit fragen: „Oder kannst du dich daran erinnern?“ Und meine Frau, eure Mutter, wird ähnlich verwundert blicken und meinen Worten unter Beimischung eines süffisanten Konjunktivs sanft hinzufügen: „Nein, so etwas hätte es bei uns nicht gegeben. Aber das ist eure Sache. Wir mischen uns da nicht ein.“

Dann, wenn sie wieder einmal durchdrehen, eure Kinder, wenn sie wegen eines Legosteins streiten, obwohl zweihundert andere vor ihren Füßen liegen, wenn einer von beiden verzweifelt, weil der andere als erster beim Auto ist, wenn der Größere mit der Präzision eines Herzchirurgen blabla, wenn wieder einmal Gläser umfallen beim Abendessen und Flaschen und gekämpft wird unter dem Tisch und manche Mahlzeiten konsequent verschmäht und so weiter, wenn wieder einmal eine Fernsehsendung als ungenügend empfunden und der Wutanfall beider groß ist, weil der Fernseher danach ausbleibt, wenn also wieder einmal diese ganzen wundersamen Ereignisse eintreffen, manchmal an einem Tag, weil es der Alltag in einer Familie so will, der Alltag, in dem Kinder gedeihen und sich die Erwachsenen auch nicht alles gefallen lassen, dann, genau dann, werden wir mit verwunderten Fragezeichengesichtern durchs Zimmer laufen, Rätselzeichen werden aus unseren Ohren kommen, und wir werden eine verdutzte, vollkommen erstaunte Attitüde an den Tag legen, die da lautet: „Was habt ihr nur falsch gemacht? Wir hatten alles im Griff, damals.“

Deshalb, lieber Sechsjähriger, lieber Zweijähriger, hütet euch, bevor ihr wieder einmal durchdreht und wegen eines Legosteins streitet, obwohl zweihundert andere vor euren Füßen liegen, denkt daran, wenn der Kleinere von euch verzweifelt, weil der Größere als erster beim Auto ist („Erster, ich bin erster!“), wisset, wenn der Große mit der Präzision eines Herzchirurgen und wieder einmal Gläser umfallen beim Abendessen und Flaschen und gekämpft wird unter dem Tisch und ihr uns bereits beim Verlassen des Betts und beim Betreten des Badezimmers belagern wollt und wägt den Wutanfall ab, wenn eine Fernsehsendung als ungenügend empfunden und wir daraufhin nachgeben et cetera und so weiter pp, glaubt mir, wenn diese ganzen wundersamen Ereignisse eintreffen, manchmal an einem Tag, weil es der Alltag in einer Familie so will, der Alltag, in dem Kinder gedeihen und sich die Erwachsenen auch nicht alles gefallen lassen, macht euch darauf gefasst, wir werden uns für all diese Momente rächen, indem wir uns einfach nicht mehr daran erinnern. „Wutanfälle, Schlafprobleme, Streitereien, war da was? Nein. Nicht, dass ich wüsste … Du etwa?“

Denn sie ist gnädig, die Vergangenheit, sie ist höflicher als Briten, die sich in einer Schlange anstellen, sie hat einen Mantel, der schwerer wiegt als die Zeit. Damit deckt sie alles zu, weshalb unsere Rache keine bewusste sein wird: Wir werden es wirklich nicht mehr wissen, dass ihr wieder einmal durchgedreht seid, weil ihr euch wegen eines Legosteins gestritten habt, obwohl zweihundert andere vor euren Füßen lagen („Nee, damit hatten wir keine Schwierigkeiten!“), dass der Kleine komplett verzweifelte, weil der Große als erster beim Auto war („Das war sicher bei den Nachbarn!“), dass der Größere mit der Präzision eines Herzchirurgen den Moment abpasste, in dem der Kleinere geradewegs in den Nachtschlaf fallen wollte, und in diesem Moment unerwartet und laut etwas gefragt hat, weshalb der Kleine sofort wieder wach war („So etwas hat’s bei uns nicht gegeben!“), dass wieder einmal Gläser umfielen beim Abendessen und Flaschen und gekämpft wurde unter dem Tisch und manche Mahlzeiten konsequent verschmäht werden mussten („Wir hatten mit so etwas nicht zu kämpfen!“), dass ihr uns bereits beim Verlassen des Betts und beim Betreten des Badezimmers belagert habt, als wären wir eine Burg, die man erobern sollte („Kann nicht sein, wir waren immer klar und eindeutig!“), und dass wieder einmal eine Fernsehsendung als ungenügend empfunden wurde und wir daraufhin nachgaben und eine zweite erlaubt haben und diese zweite auch nicht genügt hat und der Wutanfall von euch groß war, weil der Fernseher danach ausblieb („Wer so etwas erlebt, hat als Erzieher versagt!“).

Wir werden uns unter keinen Umständen daran erinnern, dass diese ganzen wundersamen Ereignisse eintrafen, manchmal an einem Tag, weil es der Alltag in einer Familie so wollte, der Alltag, in dem Kinder gediehen und sich die Erwachsenen auch nicht alles gefallen ließen. Wir werden es nicht mehr wissen, und genau deshalb schreibe ich diesen Text hier und heute, damit ihr ihn später einmal lesen könnt, doch selbst dann werden wir uns herauswinden, indem ich unisono mit eurer Mutter in einem überlegenen und leicht spöttischen Elterntonfall verkünden werde: „Ach, solche Geschichten dürft ihr nicht ernst nehmen! Das ist Erfindung, reine Fiktion. Da übertreibt man immer. Das müssen andere Kinder gewesen sein. Denn so was gab’s bei uns – nie!“

Beitragsbild © Thomas Reimer / fotolia.com


Matthias Kröner …

… ist Autor und schreibt unter anderem Prosa und Lyrik für den Bayerischen Rundfunk. 2014 erschien sein Erzählband „Junger Hund. Ausbrüche und Revolten“. 2016 erhielt er einen ITB-BuchAward für seinen City-Reiseführer „Lübeck“, erschienen im Michael Müller Verlag, für den er zudem als Ansprechpartner für Presseanfragen fungiert.
www.fair-gefischt.de

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