Die Kunst des Vorlesens. Ein Gespräch mit Ingo Siegner

Eindrücke einer schwungvollen Lesung von Ingo Siegner

Den Autor und Illustrator Ingo Siegner kennen viele Lesehungrige – u.a. hat er den kleinen Drachen Kokosnuss und die Rattenkinder Eliot und Isabella erfunden. Früher hat er sogar als Kinderbetreuer bei vamos Reisen gearbeitet. Dem vamos Inhaber Uli Mühlberger hat er kürzlich verraten, was für ihn das Besondere am Vorlesen ist, wie man das richtige Kinderbuch findet und wie Erwachsene das Vorlesen lebendiger gestalten können.

Foto: Johann Geils

Uli Mühlberger: Welche Bedeutung hat für dich Vorlesen im Unterschied zum Selberlesen?

Ingo Siegner: Das sind für mich zwei völlig unterschiedliche Vorgänge. Wenn ich selber lese, dann bin ich mit dem Buch allein. Die gelesene Welt entsteht in meiner Vorstellung, ohne dass ich mich mit einem anderen Menschen darüber austausche, jedenfalls nicht während des Lesens. Ein stiller Vorgang.
Beim Vorlesen treffen vier Welten aufeinander: 1. Die oder der Vorlesende übermittelt die Welt der vorgelesenen Geschichte, kann Tempo, Tonfall, Lautstärke bestimmen und stellt sich idealerweise auf das Kind ein, 2. Das Kind nimmt das Vorgelesene auf und kann dies sehr unterschiedlich erleben (Spannung, Humor, Langeweile, Nähe zur oder zum Vorlesenden, aufregend oder einschläfernd), 3. die Welt der Geschichte selbst, in Text und ggf. Bild und 4. schließlich Ort und Situation: z. B. im Bett vor dem Schlafengehen, zwischendurch auf dem Sofa, in der Eisenbahn, als Ritual oder spontan.
Ich selbst lese vor allem vor Kindergruppen in Schulen, Büchereien, Kindergärten und Buchhandlungen. Ich halte es für wichtig und sinnvoll, dass Autoren, die Kindern gerne vorlesen, dies auch tun. Außerdem macht es mir Spaß – so habe ich überdies regelmäßigen Kontakt zu meinen Leserinnen und Lesern. Privat lese ich nur gelegentlich einem Kind vor.

Glaubst du, dass man durch regelmäßiges Vorlesen die Lesefreude wecken kann?

Ganz bestimmt. Die Lesefreude kann schon beim Baby mit einem robusten Pappebuch angelegt werden. Das Kind verbindet dann schon früh etwas mit dem Buch, etwas Positives, das es mit dem Erwachsenen gemeinsam erkundet. Langsam erschließen sich dem Kind Inhalte, es entwickelt sein Vorstellungsvermögen, lernt zuhören und schließlich lesen, eine der wichtigsten und komplexesten Kernkompetenzen, die ein Kind nicht allein erlernen kann.
Allerdings: Regelmäßiges Vorlesen ist keine Garantie dafür, dass ein Kind eine Leseratte wird. Manche Kinder lesen einfach nicht gern. Aber ich glaube, dass durch regelmäßiges Vorlesen immer ein positives Verhältnis zum Buch geschaffen wird.

Wie finde ich das richtige Buch für meine Kinder?

Deutschland ist gut dran: Hier gibt es noch viele Büchereien und Buchhandlungen mit kompetenter Beratung, es gibt eine riesige Auswahl an Kinderbüchern aus vielen Ländern und eine große, vielfältige Szene deutscher Autorinnen und Autoren, ebenso wie Illustratorinnen und Illustratoren. Ich finde, es ist eine Qualität, nach Büchern stöbern zu können, die dem Kind und einem selbst gefallen. Okay, es kann sein, dass sich das Kind eine Zeitlang auf ein für den Erwachsenen langweiliges Buch (oder eine Buchreihe) versteift. Da muss man dann halt durch.

Braucht es eine spezielle Atmosphäre beim Vorlesen?

Kinder sind flexibel. Wenn sie etwas interessiert, können sie sich sehr gut konzentrieren, auch wenn neben ihnen jemand mit einem Presslufthammer hantiert. Besser wäre es, wenn kein Presslufthammer in der Nähe wäre, sondern ein gemütliches Sofa und so. Vor allem aber: Der oder die Vorlesende muss sich auf die Situation einlassen. Das merkt ein Kind und freut sich.

Ich habe gehört, dass du manchmal vor 300 oder 400 Kindern aus deinen Büchern vorliest. Wie schaffst du es, eine persönliche Atmosphäre zu erzeugen?

Ich weiß nicht, ob bei meinen Lesungen eine „persönliche Atmosphäre“ entsteht. Ich gehe auf die Bühne und lege los. Bevor ich aus einem Buch lese und dabei Bilder an einer Leinwand zeige, stelle ich mich den Kindern vor, zeichne am Flipchart und beantworte Fragen. Die Kinder lachen dabei viel und fassen schnell Vertrauen, auch die Kleinen. Die merken wahrscheinlich, dass sie bei mir nichts zu befürchten haben. In meinen Geschichten wird ja keiner groß gefressen, es geht immer gut aus. Manchmal wird’s brenzlig oder gruselig, aber dann halten sich die Kinder eben die Augen oder die Ohren zu und warten, bis die Gefahr vorbei ist.
Ich nehme die Kinder ernst, beantworte ihre Fragen seriös und bin nicht allzu streng. In der Regel haben alle Kinder ein Interesse daran, dass es eine gute Stunde wird, auch die Wilden und Störer, die nach 10 Minuten merken, dass ich ihnen nichts vormache – wenn es um Privates geht – und dass, wenn ich ihnen etwas vormache, dies dann i. d. R. lustig und spannend ist.
Zudem ist das Zeichnen natürlich immer ein guter Weg, das Publikum für sich zu gewinnen, ähnlich wie Musik oder Bewegungsspiele.
Sehr wichtige Aspekte in der Beziehung zu meinen Zuhörerinnen sind: Spontanität, Ehrlichkeit, Improvisation. Ich habe zwar „Programmpunkte“ beim Zeichnen, z.B. wie eine Buchfigur zeichnerisch entsteht, aber es kann sich je nach Laune, Publikum oder Anlass völlig anders entwickeln. Einmal landete während einer Schullesung ein Rettungshubschrauber im Schulhof. Die Kinder rannten allesamt an die Fenster. Ich habe ihre Aufmerksamkeit wiedergewonnen, nachdem der Hubschrauber wieder abgehoben war und ich über meine eigenen Erfahrungen mit Unfällen berichtete.

Foto: Kai-Uwe Oesterhelweg

Welche Rolle spielen beim Vorlesen Sprache, Gestik und Mimik?

Tonfall, Gestik und Mimik beeinflussen das Vorlesen erheblich, ebenso wie die Deutlichkeit der Aussprache. Wörter verschlucken und Nuscheln beeinträchtigen das Zuhör-Erlebnis natürlich. Wenn Erwachsene allerdings wenig Lust zum Vorlesen haben und das Kind möglichst schnell einschlafen soll, ist ein leierndes, betonungsfreies, leises, unmotiviertes, nuschelndes Vorlesen vorteilhaft. Da Kinder oft schon froh sind, dass Erwachsene ihnen überhaupt vorlesen, können sie sehr tolerant sein und einen schlechten Vortrag klaglos ertragen.

Kannst du unseren Gästen ein paar praktische Tipps geben, wie jeder das Vorlesen noch interessanter und lebendiger gestalten kann?

Sucht die Bücher nicht nur für die Kinder aus, sondern schaut, dass die Geschichten für euch nicht zu langweilig sind. Wenn die Vorlesenden auch Spaß haben, dann finden die Kinder das nämlich gut.
Wenn euch in einem Text etwas verbesserungswürdig vorkommt, nur zu! Autorinnen und Autoren sind ja nicht perfekt. Fast jeder Text hat hier und da schwache Stellen, die der oder die Vorlesende aufpeppen könnte. Gerne albern sein! Quatschige Reime erfinden. Menschen lieben Reime, kleine Menschen sowieso.

Foto: Johann Geils

Hast du ein Lieblings-Vorlesebuch?

„Maus, kleine Maus“ von Wilhelm Topsch, „Ich bin der Stärkste“ von Mario Ramos fallen mir jetzt ein. Es gibt unzählige tolle Kinderbücher!

Vielen Dank Ingo, dass du dir die Zeit für unser Gespräch genommen hast.





Header-Foto: Ulrich Störiko-Blume